02.08.2007  18:02 Uhr

TÜV Rheinland Group
11 000 TÜV-Prüfer in 60 Staaten. Interview mit Prof. Dr.-Ing. habil. Braun

Köln. Aus einem Hochhaus in Poll heraus wird ein weltumspannender Konzern gesteuert, der in 60 Staaten auf allen Kontinenten mehr als 11.000 hochqualifizierte Mitarbeiter beschäftigt und mehr als 900 Millionen Euro umsetzt. Der Riese in Poll ist den meisten Bundesbürgern nur als die Organisation bekannt, die regelmäßig Autos prüft und die fahrbaren Untersätze mit Plaketten schmückt. Business-on. de sprach mit dem Vorsitzenden der TÜV Rheinland Group, Prof. Dr.-Ing. habil. Bruno O. Braun.

business-on.de: Verbinden die meisten Deutschen mit dem Begriff TÜV immer noch den Sticker „Wir bleiben zusammen bis der TÜV uns scheidet“ auf klapprigen Anfängerautos?

Prof. Uwe Braun: Autos sind heute technisch ausgereifter, weniger rostanfällig und sicherer als vor 30 Jahren, also aus der Zeit, aus der dieser Spruch stammt. Heute denken die Menschen bei TÜV Rheinland an Sicherheit, Lebensqualität und Nachhaltigkeit – zumindest sollten sie das, denn das sind unsere Produkte, denen die Menschen heute begegnen, wenn sie TÜV Rheinland sehen.

business-on.de: Wie groß ist denn heute der Anteil Ihrer Arbeit, der auf die sogenannte Hauptuntersuchung entfällt?

Prof. Uwe Braun: Etwa jedes zehnte Auto in Deutschland wird beim TÜV Rheinland zur HU gebracht, und etwa zehn Prozent unserer Arbeit heute ist die Untersuchung von Autos, allerdings neben Deutschland auch in Lettland, Argentinien, Chile, Spanien und Frankreich.

business-on.de: Und wie viele Autos erhalten bei der ersten Prüfung die Plakette nicht?

Prof. Uwe Braun: Die Zahl geht zurück und liegt aktuell – natürlich je nach Modell unterschiedlich – bei 6 Prozent, die bereits bei der ersten Prüfung erhebliche Mängel haben.

business-on.de: Die TÜV Rheinland Group, deren Vorstand sie seit 1992 sind, ist inzwischen zu einem weltweiten Konzern geworden, der auf allen Kontinenten prüft. Auf welchen Tätigkeitsfeldern sind Sie aktiv?

Prof. Uwe Braun: Die Bandbreite ist groß: Von den klassischen Prüfungen in der Industrie angefangen, reicht das Spektrum über Produktprüfung, über die Entwicklungsbegleitung neuer Autotypen, Prüfung im Eisenbahnbereich bis hin zur Zertifizierung von Dienstleistungen wie Medical Wellness, Kreuzfahrten oder Nachhilfe, wir prüfen die Sicherheit von Online-Banking und bieten in unserer Akademie einige tausend verschiedene Fortbildungen an. Kurz gesagt, arbeiten wir in allen Lebensbereichen, in denen Sicherheit und Qualität eine Rolle spielen und das weltweit.

1000 Chinesen prüfen für den TÜV

business-on.de: Und in welchen Staaten liegen die Schwerpunkte Ihrer Aufgaben?

Prof. Uwe Braun: Unser Heimat- und Ursprungsland ist Deutschland. Daneben sind alle asiatische Staaten durch die Globalisierung der Handelsströme für uns ausgesprochen wichtig. Alleine in China arbeiten mehr als 1000 Mitarbeiter für TÜV Rheinland, in Japan haben wir seit rund 30 Jahren eine Niederlassung, heute sind dort 300 Mitarbeiter beschäftigt und auch unser Headquarter für Asien ist in Yokohama bei Tokio angesiedelt. Westeuropa und die USA sind seit vielen Jahren ebenfalls wichtig, in jüngerer Zeit entwickeln sich Osteuropa und Südamerika zu stark wachsenden Märkten für unsere Dienstleistungen.

Von diesem Hochhaus in Poll aus wird der weltweite Konzern gesteuert., Copyright: Von diesem Hochhaus in Poll aus wird der weltweite Konzern gesteuert.
Von diesem Hochhaus in Poll aus wird der weltweite Konzern gesteuert.

business-on.de: Wie kommt es, dass ausgerechnet deutsche Prüf-Organisationen im Ausland so gefragt sind?

Prof. Uwe Braun: In Deutschland hat die Industrialisierung im vorletzten Jahrhundert begonnen und damit auch die Geschichte der technischen Überwachung. Wir haben in Deutschland deshalb die längste Erfahrung und der Sicherheitsstandard, den wir erreicht haben, ist auch heute Vorbild für viele andere Staaten auf der Welt.

business-on.de: Früher hatte der TÜV in Deutschland eine Art Monopolstellung bei den Auto-Prüfungen. Inzwischen haben sich zahlreiche Mitbewerber etabliert und bieten die gleichen Leistungen an. Wie erklären Sie den erheblichen Verlust an Marktanteilen auf dieser Ur-Domäne des TÜV?

Prof. Uwe Braun: Es ist eine normale und zwangsläufige Entwicklung, dass ein alleiniger Anbieter Marktanteile abgibt, wenn Konkurrenz zugelassen wird. Das ist das Wesen des Marktes, deshalb hat es uns auch nicht überrascht. Entscheidend ist ja nicht die Größe, sondern die Qualität dessen, was sie als Unternehmen machen. Rendite ist wichtiger als Umsatz könnte man formulieren.

businesss-on. de: Eine Zeit lang priesen viele Unternehmen ihre Zertifizierung nach ISO als besonderes Qualitätskriterium. Hat das Interesse des Handels und der Industrie an diesen Zertifizierungen wieder abgenommen? Wenn Ja – warum?

Prof. Uwe Braun: Das Interesse bei den Unternehmen hat nicht abgenommen, sondern die ISO Zertifizierung ist heute Alltag der meisten Unternehmen. Auch heute noch ist die Zertifizierung nach ISO 9001 aber keine leichte Hürde, sondern ein Ausweis für hohe Qualität eines Unternehmens.

business-on.de: Welche Unternehmen haben mit welchem Erfolg den neuen Internetservice „TUVdotCOM“ erprobt?

Prof. Uwe Braun: In TUVdotCOM veröffentlichen wir heute in 19 Sprachen von Deutsch und Englisch bis Chinesisch und Hindi die Ergebnisse unserer Prüfungen und Zertifizierungen. In dieser weltweit einmaligen und jederzeit zugänglichen Datenbank sind über 100.000 Zertifikate transparent dargestellt. So kann jeder Kunde, egal ob geschäftlich oder privat, einsehen, was hinter einem bestimmten Zertifikat steckt. Wenn Sie beispielsweise als deutscher Mittelständler in Indien Stahl kaufen wollen, hilft Ihnen TUVdotCOM einen Partner zu finden, der ihren eigenen Qualitätsansprüchen genügt.

business-on.de: Herr Prof. Braun, wir danken im Namen unserer Leser für diese Informationen.


 

(Ulrich Gross)

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Bild Nr. 1 © Prof. Dr.-Ing. habil. Bruno O. Braun
Bild Nr. 2 © Von diesem Hochhaus in Poll aus wird der weltweite Konzern gesteuert.



 


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