Interview
9 Fragen an.... Dr. Norbert Walter-Borjans, Wirtschaftsdezernent der Stadt Köln
Köln. business-on.de stellte prominenten Vertretern neun Fragen zur regionalen Wirtschaftssituation in 2009. Kölns Wirtschaftsdezernent Dr. Norbert Walter-Borjans blickt realistisch und pragmatisch auf das Jahr 2009. Die enge Verflechtung mit der Automotive-Branche ist problematisch, aber der gesunde Kölner Branchenmix sollte sich gerade in konjunkturschwachen Zeiten bewähren. Denn Kölner sind besessen, wenn Sie etwas wollen - siehe Gottesdienste, Gospelsongs, Transparente etc. zum Transfer von Lukas Podolski zum FC Köln.
business-on.de: Herr Dr. Walter-Borjans, wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Entwicklung in Köln in 2008?
Dr. Norbert Walter-Borjans: 2008 war für Köln ein gutes Jahr. Die Stadt hat nicht nur an der guten Konjunktur bundesweit teilgehabt, sondern in diesem allgemein guten Lauf als viertgrößte Stadt in Deutschland auch wieder mehr auf sich aufmerksam gemacht - wirtschaftlich, aber auch wieder kulturell und in Sachen Verteidigung der an Köln so geschätzten Weltoffenheit. Die international aufmerksam wahrgenommene Art und Weise, wie hier der Versuch von Rechtspopulisten gescheitert ist, Ressentiments gegen Menschen muslimischen Glaubens zu schüren, war auch ein Signal an ausländische Touristen und Investoren: diese Stadt ist auch offen für Euch - egal, woher ihr kommt. So spektakuläre Zuzugsentscheidungen wie die von Microsoft in den Rheinauhafen, das sein Office im September bezogen hat, wie die des chinesischen Baumaschinenherstellers Sany, (wir berichteten) der seit Mai in Köln ist und in der Region 100 Mio. Euro investiert, oder wie die von Lanxess - auch wenn sie jetzt um ein Jahr verschoben wurde, sind weit über die Grenzen der Stadt als Zeichen neuer Dynamik wahrgenommen worden.
business-on.de: Wie wird sich die globale Finanz- und Wirtschaftskrise auf Köln auswirken?
Dr. Norbert Walter-Borjans: Wir leben hier nicht auf einer Insel. Unsere Wirtschaft ist mit internationalen Partnern eng verflochten. Bei uns spielt der hoch sensible Autombil- und Motorenbau eine noch größere Rolle als ohnehin in Deutschland und viele Unternehmen haben Kunden in Ländern und bei Partnern, bei denen es kriselt. Trotzdem bin ich von zwei Dingen überzeugt: Erstens stärkt eine ausgeprägte Branchenvielfalt unsere Stadt und zweitens werden die Attribute des "Made in Germany", nämlich Qualität, Augenmaß und Sicherheit nach den Turbulenzen noch mehr Gewicht haben als vorher. Für die Stadt des TÜV Rheinland, des DLR, der EASA (wir berichteten) und vieler anderer, die für Präzision und hohen Qualitätsanspruch stehen, ist das gewiss ein Vorteil.
business-on.de: Wie wird sich der Arbeitsmarkt in der Region entwickeln?
Dr. Norbert Walter-Borjans: Der Kölner Arbeitsmarkt ist, was die "normale" Fluktuation angeht, absolut vergleichbar mit anderen dynamischen und wirtschaftlich starken Großstädten. Bei uns ist aber der Sockel der schwierigen Langzeitarbeitslosigkeit überproportional. Hier liegt die Kehrseite des rasanten Strukturwandels der letzten Jahrzehnte: Menschen, die wir für einfache industrielle Tätigkeiten angeworben haben, sind in die hochtechnisierte Industrie ebenso schwer integrierbar wie in die Medien-, IT- oder Versicherungswirtschaft. Deshalb ist es so wichtig, so viele wie möglich zu qualifizieren und besonders der nächsten Generation eine gute Ausbildung zu sichern. Die Fachkräfteknappheit
wird selbst in der abgeschwächten Konjunktur nicht kleiner und danach wird sie noch drängender. Das haben die Unternehmen erkannt. Deshalb werden sie in den kommenden Monaten nicht ohne Not auf erfahrene Mitarbeiter verzichten.
business-on.de: Welche Faktoren zeichnen den Standort Köln besonders aus?
Kölns Stärken sind Branchenvielfalt, Qualitätsanspruch und Kreativität
Dr. Norbert Walter-Borjans: Neben der schon angesprochenen Branchenvielfalt und der hervorragenden sogenannten harten Faktoren wie Marktgröße, Lage im Verkehrsnetz und jedenfalls vergleichsweise hoher Verfügbarkeit von Fachpersonal ist es der ganz eigene Charakter Kölns und seiner Menschen, der die Stadt auch für das qualifizierte kreative Personal von außerhalb attraktiv macht, um das sich die Unternehmen reißen. Ein Arbeitgeber mit Sitz in Köln hat gute Chancen, dass sich umworbene Mitarbeiter im Wettbewerb mit anderen gern für einen Job in der Domstadt gewinnen lassen.
business-on.de: Welche Chancen und Risiken wird das Jahr für Köln bringen?
Dr. Norbert Walter-Borjans: Unsere Chance liegt jetzt erst recht darin, auf Qualität, auf Premium, auf attraktive Infrastruktur, aber auch auf Wahrung der kölschen Atmosphäre zu setzen. Produkte von Kölner Unternehmen haben auf dem Weltmarkt einen festen Platz. Die Risiken liegen in der Entwicklung der allgemeinen Weltwirtschaft. Und wenn Ford in den USA nicht aus der Krise herauskommt, hat auch Ford Europa zu kämpfen. Dabei läge es so nah, das Knowhow der hoch produktiven europäischen Tochter für die Problemlösung im amerikanischen Heimatmarkt zu nutzen. Das wiederum ist eine große Chance!
business-on.de: Wie sieht es mit der Entwicklung von Steuern und Ausgaben in Köln aus?
Dr. Norbert Walter-Borjans: Bisher ausgesprochen gut. Die Gewerbesteuer liegt deutlich über dem Haushaltsansatz. Aber die Erwartungen für 2009 sind schwer zu definieren. Noch wollen auch die Unternehmen keine unnötige Krisendiskussion durch die Nennung schlechter Gewinnerwartungen auslösen. Aber es wäre unverantwortlich, die Entwicklung der letzen Jahre einfach fortzuschreiben und die so prognostizierten Einnahmen zu verplanen. Das heißt nicht, dass auch eine Stadt nicht ihren - wenn auch überschaubaren - Beitrag zur
Konjunkturbelebung leisten kann. Aber wir müssen genau hinsehen, was schnell wirkt und was verpufft und dann nur Haushaltslöcher hinterlässt. Dass die Konsumenten im Weihnachtsgeschäft geradezu eine Antikrisenmentalität gezeigt haben, ist ein ermutigendes Zeichen. Die private Nachfrage bleibt ein entscheidender Faktor dafür, dass der Kreislauf der Wirtschaft in Schwung bleibt und dass auch Steuern gezahlt werden.
business-on.de: Wie stellen Sie sicher, dass der Standort für Unternehmer attraktiv bleibt?
Dr. Norbert Walter-Borjans: Indem wir am Puls der Zeit bleiben. Wir müssen uns noch systematischer damit beschäftigen, was Unternehmen, die schon hier sind, zum Wachsen brauchen, für welche Unternehmen aus welchen Herkunftsregionen Köln das bietet, was sie suchen und wie wir vor allem den zahlreichen wissenschaftlichen, aber auch den Handwerkernachwuchs zur Gründung von Unternehmen ermutigen können. Dabei geht es für uns Wirtschaftsförderer gar nicht nur darum, immer Neues zu erfinden. Wir haben viele Faktoren, die Köln spannend machen. Das reicht vom Angebot in der Stadt bis hin zum Service der städtischen Wirtschaftförderung - in guter Kooperation mit den Kammern. Das alles müssen wir nur noch viel stärker publik machen - lokal, regional, national und international.
business-on.de: Was sind die wichtigsten Trends, die in 2009 einen maßgeblichen Einfluss auf Köln haben werden?
Dr. Norbert Walter-Borjans: Die Softwarebranche bleibt nach meiner Einschätzung ein Jobmotor, der mit dem wachsenden Microsoft-Campus, aber auch mit Platzhirschen wie IBM, SQS und vielen anderen in Köln weiter brummen wird. Das gilt auch für das rasant wachsende Segment der Gaming-Industries mit Electronic Arts und Turtle Entertainment, die durch die Games Com in Köln weiteren Auftrieb bekommen werden. Zunehmend entdeckt auch die Kreativ- und Design-Wirtschaft Köln mit seiner Ausstrahlung und seinem Facettenreichtum für sich. Mit dem Umzug von RTL in die Rheinhallen wird die hohe Bedeutung Kölns als Fernsehstadt noch ein Stück mehr Aufmerksamkeit erregen. (Gaming Capital Cologne) (wir berichteten)
business-on.de: Und welche Trumpfkarten hat Köln sonst noch?
Dr. Norbert Walter-Borjans: 2008 haben wir zusammen mit der Deutschen Sporthochschule, mit unserer Pharmawirtschaft, der Europäischen Fachhochschule Fresenius und den starken Versicherern die Gesundheitswirtschaft in den Fokus gerückt. Auch da liegt besonders in einer älter werdenden Gesellschaft ein Trend von gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Bedeutung. Und unsere Universität und Fachhochschulen sind auf einem guten Weg, ihre Klasse und die geballte Power des Wissenschaftsstandortes Köln in das Licht zu rücken, das er verdient. Da bleibt eigentlich nur noch der Transfer von Lukas Podolski zum FC - wenn das kein maßgeblicher Einflussfaktor für Köln ist! Prägnanter kann man die Versessenheit der Kölner auf etwas, was sie sich einmal in den Kopf gesetzt haben, doch gar nicht beschreiben.
(Karin Bäck)
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