Familienfreundlichkeit macht Unternehmen rentabler
Köln. Familienbewusste Personalpolitik, so lautete der Titel einer Veranstaltung, die Ende vergangene Woche von der Industrie- und Handelskammer (IHK) in ihrer Zentrale in der Kölner Innenstadt organisiert wurde. Bereits zum zweiten Mal trafen sich dort Verantwortliche aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, um über gemeinsame Strategien nachzudenken, wie Familie und Beruf in deutschen Unternehmen besser abgestimmt werden können.
Als „Experiment“ bezeichnete der Vizepräsident der IHK Dr. Wilhelm von Moers die erstmals in 2005 ausgerichtete Veranstaltung.
„Wir wollten bei den Unternehmen der Region ein Bewusstsein dafür wecken, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie keineswegs nur ein familien- oder sozialpolitisches Thema ist, sondern sie unmittelbar und ganz konkret trifft“, erklärte von Moers den Anwesenden in seiner Begrüßungsrede.
Vor allem der Mittelstand soll von diesem Thema angesprochen werden. Anhand von „best-practise“-Beispielen soll gezeigt werden, wie Beruf und Familie miteinander in Einklang gebracht werden können. „Kreative Ideen und Lösungsansätze gibt es genug. Und inzwischen hat sich herumgesprochen, dass die Unternehmen, die sich offensiv mit dem Thema beschäftigen, die Nase vorn haben im Wettbewerb um die besten und motiviertesten Mitarbeiter“, so der IHK-Vizepräsident weiter.
Der nordrhein-westfälische Familienminister Armin Laschet zeigte sich hingegen besorgt darüber, dass trotz eines im internationalen Vergleich geringen Anteils an weiblichen Führungskräften (23 Prozent) die Geburtenrate ebenfalls deutlich unter dem Durchschnitt in Europa liege. In manchen Bereichen, zum Beispiel der Kreditwirtschaft, liegt dieser Anteil sogar bei unter zehn Prozent. Im Gegensatz dazu gibt es in Frankreich wesentlich mehr Frauen in Führungspositionen und trotzdem bekommen französische Frauen deutlich mehr Kinder als ihre deutschen Kolleginnen. Der deutsche Staat gibt pro Jahr mehr als 100 Milliarden Euro aus, auch dies ein Hinweis auf mangelnde Effizienz in diesem Bereich, so Laschet weiter. Insbesondere in Nordrhein-Westfalen komme hinzu, dass die so genannte Frauenerwerbsquote mit 61 Prozent innerhalb der Bundesrepublik einen vorletzten Platz belegt.
„Das Land hat bei der beruflichen Frauenförderung in den vergangenen Jahren manches versäumt“, erklärte der CDU-Politiker weiter. Geradezu tragisch daran ist, dass sich viele junge Menschen Kinder wünschen. „Es wird ihnen jedoch vielfach ein schlechtes Gewissen eingeredet, wenn sie ihren Wunsch auch tatsächlich umsetzen wollen“, kritisiert der Minister. So plant sein Ministerium derzeit eine Initiative, mit der vor allem kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) darauf sensibilisiert werden sollen, familienfreundliche betriebliche Angebote zu schaffen.
Auch Bürgermeister Josef Müller war sich um die Bedeutung dieses Themas im Klaren. In seiner Begrüßungsrede machte er vor allem auf die Arbeit des Kölner Bündnisses für Familien aufmerksam. „Es ist für mich eine große Freude, dass das Kölner Bündnis für Familien den Zusammenhang Familie und Beruf in den Mittelpunkt seiner Bemühungen gestellt hat“, so Müller. Das Kölner Bündnis für Familien wurde im März 2004 gegründet und hat derzeit 15 Partner, neben der Stadt Köln die beiden großen Kirchen, IHK und Handwerkskammer, die Liga der Wohlfahrtsverbände und andere mehr. Ziel ist die Umsetzung des im Jahr 2003 vom Kölner Stadtrat verabschiedeten Leitbildes „Köln- eine familienfreundliche und soziale Stadt“.
Der demografische Wandel, der in vielen anderen deutschen Städten bereits massive Auswirkungen zeigt, tritt Köln wesentlich weniger stark. Ein Grund, sich darauf auszuruhen, ist das jedoch nicht. Auch in der Domstadt werden derzeit die Betreuungsangebote unter Hochdruck ausgebaut. Dazu gehören der derzeitige Ausbau von Ganztagesplätzen in Grundschulen. Zusammen mit den Horten will die Stadt in der Gruppe der 6 bis 10-Jährigen bis zu Beginn des nächsten Schuljahres eine Betreuungsquote von 45 Prozent erreichen. Auch bei den Kleinsten soll kräftig investiert werden. Hier werde Köln alles daran setzen, bis 2010 die vom Land NRW geforderte Betreuungsquote von 20 Prozent zu erreichen.
Alle Redner machten deutlich, dass jede auch noch so kreative Lösungen in den Unternehmen nicht den gesamtstaatlichen Zusammenhang ignorieren könne. Der Staat habe insbesondere beim Ausbau von Betreuungsangeboten für Kinder im Vorschulalter eine überragend wichtige Rolle. Speziell bei den unter 3-Jährigen gebe es im Vergleich zu anderen europäischen Staaten massiven Nachholbedarf. „Die qualifizierte Betreuung der Kleinsten hat nicht nur den Vorteil, dass junge Mütter schnell wieder in ihren Beruf zurückfinden. Sie erleichtert auch Kindern aus bildungsfernen Schichten den Einstieg in eine erfolgreiche Schulkarriere und damit einen erfolgreichen Berufsstart“, erläutert von Moers.
In einer Untersuchung der Prognos AG wird zudem deutlich, dass die Verkürzung von Erziehungszeiten in Unternehmen erhebliche Kostenvorteile birgt. Ausgerechnet von der Rechnung, dass eine Angestellte ihren dreijährigen Erziehungsurlaub ausschöpft, ergeben sich je nach Position der Angestellten Mehrkosten für das Unternehmen von durchschnittlich 15.000 Euro, bei weiblichen Spitzenkräften können es sogar mehr als 100.000 Euro sein. Familienfreundliche Personalpolitik ist in diesem Fall ein echter Kostenvorteil, oder wie es Bürgermeister Müller in seinem Grußwort auf den Punkt brachte „Familienfreundlichkeit bringt Gewinn.“
(Ralph Kruppa)
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