Personalkostenreduzierung & Outplacement
Interview mit Jochen Kienbaum: „Das Ziel muss sein, trotz der Krise die besten Mitarbeiter zu halten"
Köln-Bonn. Rund ein Drittel der deutschen Unternehmen reagiert auf die die Wirtschaftskrise mit dem Abbau von Mitarbeitern. Am stärksten von der Personalkostenreduzierung betroffen sind zu 29 Prozent Sacharbeiter sowie Mitarbeiter der Produktion (25 %) und Hilfsarbeiter (24 %). Aber auch Spezialisten (14 %) und sogar Führungskräfte (8 %) sind vom Abbau tangiert – so die Ergebnisse der Kienbaum-Studie „Personalkostenreduzierung und Outplacement“, über die business-on.de mit Kienbaum-Chef Jochen Kienbaum sprach.
business-on.de: Herr Kienbaum, an der Studie „Personalkostenreduzierung und Outplacement“ der Kienbaum Consultants International GmbH beteiligten sich 500 deutsche Unternehmen aller Größenklassen und Branchen. Was hat die Auswertung ergeben?
Jochen Kienbaum: Erstens, dass ein Drittel der Unternehmen in Deutschland derzeit Mitarbeiter entlässt, zweitens, dass darunter acht Prozent Führungskräfte sind und drittens, dass Mitarbeiter, die entlassen werden, neben einer hohen Abfindung an einer Newplacementberatung interessiert sind.
business-on.de: Hätten Sie mit einem solchen Ergebnis gerechnet?
Jochen Kienbaum: Dass Unternehmen Personal entlassen, war zu erwarten. Auch das Interesse an einer Newplacementberatung halte ich für ganz natürlich: Mitarbeiter, die entlassen werden, wollen anschließend nicht allein gelassen werden, sondern eine Perspektive haben. Dabei setzen sie auf professionelle Unterstützung, weil die Lage auf dem Arbeitsmarkt derzeit sehr schwierig ist. Tausende von Fach- und Führungskräften gerade in den stark von der Krise betroffenen Branchen suchen nach einer neuen beruflichen Herausforderung – da müssen alle Möglichkeiten und Wege am Arbeitsmarkt systematisch ausgeschöpft werden.
business-on.de: In Ihrer Studie ist oft von Outplacement und Newplacement die Rede. Was genau ist darunter zu verstehen und inwieweit kann es Unternehmen durch die Wirtschaftskrise helfen?
Jochen Kienbaum: Der gängige Begriff ist seit Jahrzehnten „Outplacement“. Aber uns geht es um die neue Platzierung von Führungskräften. Das drückt der Begriff „Newplacement“ viel besser aus. Hier spielt die Psychologie eine wichtige Rolle: Outplacement betont den Aspekt des Ausscheidens aus der alten Position, Newplacement hingegen stellt auf eine neue Perspektive für die Zukunft ab. Wir als Executive Newplacement-Berater stehen vor der Herausforderung, den Kandidaten diese neue Perspektive aufzuzeigen, sie aufzubauen. Ein unfreiwilliger Jobwechsel ist ohnehin schon schwierig zu verkraften – ob selbst verschuldet oder nicht. Nur wenn der Kandidat das gut verarbeitet, kann er eine neue Aufgabe finden.
business-on.de: So wie beim Militär? Nach einer Verpflichtung wird den Zeitsoldaten auch bei der Jobsuche geholfen.
Jochen Kienbaum: Persönlichkeiten aus dem Militär sind meist zehn und mehr Jahre dort tätig. Sie haben keinerlei Unternehmenserfahrung in der freien Wirtschaft. Zwar sind sie fachlich sehr gut, aber sie kennen die Abläufe, die Kultur und die Sprache des Business nicht. Deshalb ist die Schulung und Weiterbildung von Offizieren sehr komplex: Kienbaum ist auf diesem Gebiet seit Jahrzehnten sehr erfolgreich tätig. In knapp 25 Jahren hat Kienbaum mehr als 5.000 Bundeswehrangehörigen aus dem In- und Ausland, meist Offiziere und Unteroffiziere, den Sprung in die freie Wirtschaft geebnet. Gerade bei den Offizieren ist dabei die Erfolgsquote mit mehr als 80 Prozent sehr hoch.
Führungskräfte aus der Wirtschaft, die entlassen werden, benötigen hingegen ein anderes Coaching: Hier geht es viel um Psychologie, um Marktkenntnis und Netzwerke.
business-on.de: Ist diese Dienstleistung überhaupt von den Mitarbeitern erwünscht oder würde die Mehrheit sich eher über eine hohe Abfindung freuen?
Jochen Kienbaum: Das ist keine Frage von Entweder Oder. Unsere Studie hat ergeben, dass knapp drei Viertel der Mitarbeiter Wert auf eine hohe Abfindung legen. Auf Platz zwei folgt aber direkt mit 32 Prozent die Newplacement-Beratung. Auch eine Kombination aus Abfindung und Newplacement-Beratung ist gefragt. Das entspricht unseren Erfahrungen aus der Beratung: Natürlich bestehen die Mitarbeiter auf einer Abfindung, damit sie abgesichert sind, falls der Neuorientierungsprozess länger dauert. Andererseits merken viele, dass sie Unterstützung brauchen und bestehen auf einer Newplacement-Beratung als Bestandteil der Aufhebungsvereinbarung. Dabei ist wichtig, dass sie selbst einen Berater aussuchen, der zu ihnen passt und wirklich helfen kann.
business-on.de: Übersteigen die Kosten der abschließenden Beratungsmaßnahmen des Outplacements nicht den Nutzen für das Unternehmen?
Jochen Kienbaum: Nein, da droht keine Gefahr. Vielmehr liegt eine typische Win-win-Situation vor: Sowohl das Unternehmen hat einen Vorteil, als auch der ausscheidende Mitarbeiter. Wichtiger Bestandteil einer fairen Trennungskultur ist das Signal an die Mitarbeiterschaft: Wir lassen euch nicht allein, sondern geben euch professionelle Begleitung bei der beruflichen Neuorientierung. Außerdem zahlt das Unternehmen die Newplacement-Beratung ja nicht zusätzlich zur Abfindung, sondern ein Teil davon wird für das Coaching verwendet.
business-on.de: Trotz der anhaltenden Krise sind die meisten Unternehmen beim Personalabbau noch relativ zurückhaltend. Kann man das Verhalten eher als Naivität oder als Angst vor einem möglichen Imageverlust interpretieren?
Jochen Kienbaum: Die Firmen agieren keinesfalls naiv. Viele Unternehmen gehen an diese Frage vielmehr sehr realistisch heran. Manche nehmen tiefe Schnitte vor, damit das Unternehmen nicht in eine Liquiditäts- oder Insolvenzkrise gerät. Bei Umsatzrückgängen von teilweise 40 bis 70 Prozent muss man radikal gegensteuern und das tun diese Unternehmen auch. Andererseits haben auch die Unternehmen Recht, die vorsichtig an die Frage eines Personalabbaus herangehen: Denn das Ziel muss sein, trotz der Krise die besten Mitarbeiter zu halten, um im nächsten Aufschwung wieder durchstarten zu können. Leider ist es oft so, dass in Krisenzeiten die Besten zu erst gehen. Das gilt es zu verhindern. Dazu muss man die Mitarbeiter überzeugen, dass es wieder aufwärts geht und es sich lohnt, dem Unternehmen treu zu bleiben. Außerdem ist wichtig, sein Arbeitgeberimage zu pflegen: Das bedeutet, man muss in der Krise eine maßgeschneiderte Personalpolitik machen. Denn wenn die demografische Entwicklung wieder voll auf dem Arbeitsmarkt greift, wird es schwierig sein, die besten Talente zu gewinnen, weil der Konkurrenzkampf um sie besonders groß sein wird. Deshalb ist es angezeigt, in der Krise antizyklisch zu handeln und viel für die Bindung der Mitarbeiter zu tun. Nur so kann man nach außen eine Mannschaft präsentieren, die für gute Leute von außen attraktiv ist.
"Um die guten Mitarbeiter zu halten, bieten sich flexible Arbeitszeiten an"
business-on.de: Natürlich sollte die Personalreduzierung der letzte Weg aus der Krise sein. Welche Alternativen gibt es hier für Unternehmen?
Jochen Kienbaum: . Für junge Mitarbeiter können das zum Beispiels Sabbaticals sein, die für Weiterbildung genutzt werden können. Die Arbeits- und Tarifverträge sowie Betriebsvereinbarungen müssen genau unter die Lupe genommen werden. Eine atmende Vergütung ist ebenfalls eine Möglichkeit, Personalkosten zu reduzieren, ohne Mitarbeiter entlassen zu müssen. Mit Prozess- und Vertragsänderungen lassen sich bereits fünf bis acht Prozent der Personalkosten reduzieren. Es bietet sich an, die Gesamtpakete zu reduzieren und durch stärkeren Ergebnisbezug immer die Möglichkeit zu bieten, über besondere Leistungen mehr zu verdienen. Denn Top-Leistungen müssen sich auch in der Krise lohnen. Außerdem ist es gerade in Krisenzeiten wichtig, Prozesse zu optimieren, in Forschung und Entwicklung zu investieren und Produktinnovationen anzustoßen. Auch personalpolitisch weiter und neu zu denken ist angezeigt.
business-on.de: Sind jedoch alle Instrumente ausgereizt, führt oftmals kein Weg am Personalabbau vorbei. Was können Personalchefs tun, um die Trennung so fair und so „angenehm“ wie möglich für beide Seiten zu gestalten?
Jochen Kienbaum: Eine faire Trennung sollten Kultur und Stil des Unternehmens gebieten. Außerdem beeinflusst der Umgang mit ausscheidenden Mitarbeitern nachhaltig das Arbeitgeberimage. Die Qualität des Trennungsgesprächs, ein faires Abfindungspaket, ein Newplacement-Angebot und eine abgestimmte Kommunikation nach innen und außen sind hier die wichtigsten Elemente.
business-on.de: Auch wenn zurzeit alles Schwarz aussieht, können Unternehmen, Ihrer Meinung nach, aus der Krise lernen?
Jochen Kienbaum: Ja, das können sie. Grundsätzliche Veränderungen mit krisenhaftem Charakter werden künftig häufiger auftreten. Darauf müssen wir uns als Unternehmer einstellen. Dann gilt es, schnell zu handeln – dafür muss Klarheit in den Köpfen des Managements herrschen, Krisenreaktionspläne müssen fertig in der Schublade liegen. Viele haben schon aus der Krise von 2002 gelernt und gehen mit der derzeitig schwierigen Situation besser und erfolgreicher um. Unternehmen müssen genau wissen, wer die besten Mitarbeiter sind. Das sollten sie regelmäßig mit diagnostischen Methoden überprüfen. Dann muss es darum gehen, diese Mitarbeiter zu halten, zu entwickeln, sie mit guten „Werten“ an das Unternehmen zu binden, ihnen Perspektiven zu eröffnen und sie mittels leistungsgerechter Vergütungsmodelle zu motivieren.
business-on.de: Vielen Dank für das Interview, Herr Kienbaum!
(Redaktion)
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