03.01.2007  18:49 Uhr

Manischer Virus im CyberWeb?

Köln. Blogmania, Cyberchondrie, YouTube-Narzissmus, Wikipediaholic oder Photo-Voyeurismus – harmlose Webmanien? Von wegen! Experten sprechen bereits von schwerwiegenden Cyber-Dysfunktionen. Noch sind die meisten gegen Ansteckung immun. Aber wie lange noch? Als bereits Infizierte haben sich erstmals auch Redakteure vom NewScientist-Magazin geoutet.

Diagnose Cyber-Dysfunktion

Richard Fisher, Feuilletonist von NewScientist, entwickelte seine zunächst harmlose Journalisten-Eitelkeit zu einer krankhaften Obsession. Die Sucht, seinen Namen im Google-Ranking ganz oben zu finden, wurde ihm zum Verhängnis. Bei der nachvollziehbar letzten Recherche landete Fisher auf Platz 47 und befand sich damit in Nachbarschaft mit einem ehemaligen Basketball-Spieler aus den 1970ern. Das haut selbst den härtesten Schreiber um, so auch unseren eitlen Fisher – er sucht seitdem Hilfe für seine diagnostizierte Cyber-Dysfunktion. Mit Recherchen im Web und bei Kollegen leistete er zunächst einmal journalistische Basisarbeit. Sein Verdacht bestätigte sich: Übersteigerte Techno-Sucht macht krank.

Geständnis eines Wikipediaholic

Mister X beispielsweise, ein Verkäufer von wissenschaftlichem Equipment in Kanada, hat bereits mehr als 70.000 Texte in Wikipedia überarbeitet bzw. angelegt. Was ihn dazu treibt, sei die Genugtuung darüber, Dinge richtig zu stellen, besser zu erklären und damit dem Rest der Welt zu beweisen, was er alles weiß. Er verbringt im Schnitt zwei Stunden pro Tag mit Wikipedia. Sein Browser ist so eingerichtet, dass bei jedem Start ein zufallsgenerierter Wiki-Artikel eingeblendet wird. Was muß man mitbringen, um Wikipediaholic zu werden? Aus der Sicht von X eine obsessive Ordnungsliebe. Zumindest wäre das ein guter Start, meint er. Dan Cosley an der Cornell University in New York sieht darin eher einen krankhaften Prozess, der dem von Crack-Süchtigen mit geringen Entwöhnungsaussichten entspricht.

Geständnis eines Cyberchonders

Wenn Kopfschmerz und gleichzeitiger Hautausschlag zu extensiven Online-Recherchen verleiten, könnte man das noch belächeln. Wenn der Betroffene die Websuche allerdings so lange betreibt, bis seine Einbildung bestätigt wird, dass es sich um Krebs handeln muss, dann kann getrost von Cyberchondrium ausgegangen werden. Bei Paul Sloman, freier Journalist in London, fing es mit Herzklopfen an. Sein Hausarzt empfahl, den Espresso-Konsum zu reduzieren. Seine diversen Web-Doktoren diagnostizierten dagegen mal Herzrhythmusstörungen, mal Bluthochdruck oder auch Angina. Ein Teufelskreis begann für Sloman. Im Pingpong-Verfahren wechselte er zwischen virtueller und realer Sprechstunde, zwischen obsessiver Selbsthilfe mit obskuren Heilmitteln und gut gemeinten Ratschlägen. Quasi im letzten Moment konnte Sloman gerettet werden. Inzwischen trinkt er koffeinfreien Kaffee und fühlt sich wieder top.


 
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