Jecke Hochkonjunktur
Fiere, danze, brassele – Karneval als Wirtschaftsturbo?
Köln-Bonn. Nach dem Karneval ist vor dem Karneval: So lautet zumindest das Motto der Kölner, die sich den „tollen“ Tagen wie keine Anderen hinzugeben scheinen. Was für Außenstehende nichts anderes zu sein scheint, als stumpfsinniges Schunkeln in alberner Kostümierung, entpuppt sich jedoch gerade in der heutigen Krisenzeit als Wirtschaftsturbo. Was genau hinter der Tradition steckt, was uns der Kölner Wirtschaft wirklich bringt und ob sich nicht auch Politiker etwas von unserer jecken Einstellung abschauen sollten, das besprach business-on.de mit Dr. Johannes Kaußen, Präsident der „Kölnischen Karnevalsgesellschaft von 1945 e.V.“.
Präsident Dr. Johannes Kaußen (3.v.l.) mit den zwei Kutschallas und Markus Schneider (2.v.l.), dem Winzer des Jahres.
Das Geschäft rund um die Fastnacht wächst – und das nicht nur weitgehend unabhängig von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Im Gegenteil: Die Erfahrung der letzten, von andauernder Krisenstimmung gezeichneten Jahre hat gezeigt, dass gerade die Kölner auf den wirtschaftlichen Dauer-Aschermittwoch mit heiterem Trotz reagieren. Statt dem sonst allgegenwärtigen deutschen Trend der „Schwarzmalerei“ zu verfallen, präsentierte sich die Stadt in jecker Höchstform. Jetzt erst recht, schien das ungetrübte Motto der letzten Session zu sein. Lässt es sich in konjunkturschwachen Zeiten besser feiern?
„In wirtschaftlich schwierigen Zeiten rücken die Menschen näher aneinander“, erklärt Dr. Johannes Kaußen, langjähriger Literat und seit Mai 2008 Präsident der „Kölnischen Karnevalsgesellschaft von 1945 e.V.“. Gegründet in der tristen Stunde Null ist sich die Karnevalsgesellschaft bis heute ihren Werten, wie Tradition, Brauchtum und vor allem Gemeinschaftlichkeit durchgehend treu geblieben.
Mit Erfolg: Seit jeher gibt es bei der Kölnischen immer einen Grund zum Feiern, sei es nun, nach einem geschäftlich gut laufendem Jahr, aus der Intention einer Belohnung heraus oder eben, wie kürzlich, eher ein ausgleichender Grund zur negativen Wirtschaftslage, der alljährlich die Menschen zum feiern, singen und tanzen in die Festsäle und auf die Straßen treibt. „Gerade 1945 hatten wir sicherlich keinen Grund zum Lachen“, so Dr. Kaußen. Dennoch habe das Fest unter Freunden seit jeher einen heilenden Charakter.
Sicher, die Besinnung auf traute Gemeinschaftlichkeit hat uns bereits in der Nachkriegszeit zu wunderlichen Wirtschaftshöhen verholfen, doch gilt die Formel „Feiern = Aufschwung“ auch noch zur heutigen Zeit?
Karneval in Köln: Die „tollen“ Tage sichern 3.000 Arbeitskräfte und 350 Millionen Euro Umsatz
Fest steht: Deutschlandweit werden drei bis vier Milliarden Euro durch den Karneval umgesetzt. Alleine in Köln macht das den stolzen Umsatz von bis zu 350 Millionen Euro jährlich. Und die 3.000 festen Arbeitsplätze verdeutlichen, dass der durch den Karneval resultierende Aufschwung eben nicht nur ein kurzfristiger sei, versichert Kaußen. Die 1,5 Millionen Rosenmontagsgäste, von denen besonders das Hotelgewerbe profitiert, verlassen die Stadt mit positiven Assoziationen und kommen auch gerne außerhalb der Saison wieder. Auch Taxifahrer und natürlich die Kölner Gastronomie erwirtschaften alleine während des Straßenkarnevals einen Großteil ihres Jahresumsatzes. Ganz zu schweigen von den Kostümhändlern, die die Millionen Jecken und ganze Vereine mit aufwendigen Verkleidungen ausstatten. Besonders die Süßigkeitenindustrie lässt sich den Ausnahmenzustand gut schmecken: Auf einer Länge von sieben Kilometern verwandeln durchschnittlich 150 Tonnen Süßigkeiten, 700.000 Tafeln Schokolade und 200.000 Pralinen die Innenstadt in ein Schlaraffenland.
„Et hätt noch immer jot jejange“: Das Kölsche Grundgesetz als politischer Leitfaden für Krisenzeiten?
Dr. Johannes Kaußen (rechts) mit Dr. Rainer Landwehr von der Fa. Goodyear, dem Hauptsponsor der Harlekin-Gala.
Doch anders als im Märchen präsentiert sich Köln durch den süßen Regen eben nicht als ein „Land der faulen Affen“, sondern vielmehr als einzigartiges Vorzeigebeispiel für einen vorbildlichen Umgang mit der Krise, von der auch die Politiker lernen können.
„Deutschland jammert auf sehr hohem Niveau“, kritisiert Kaußen zum Thema der aktuellen Schwarzmalerei. „Jeder sollte für sich überlegen, was den Wert seines Lebens ausmacht. Meist stößt man hierdurch auf Elementares, aber oft Vergessenes, wie Gesundheit und freundschaftliches Beisammensein.“
Letzteres ist es auch, was für den Präsidenten der „Kölnischen Karnevalsgesellschaft“ einer der Grundpfeiler des städtischen Karnevals ausmacht. Für die 100.000 Karnevalisten, die organisiert Karneval feiern, macht vor allem die Gemeinschaftlichkeit das Lebensgefühl für die Stadt aus und ist ferner ein wichtiger Bestandteil der Kölner Kultur.
Getreu dem Motto „wat wellste maache?“ sieht der Kölner daher den teils unliebsamen Tatsachen ins Augen und erfreut sich den Dingen, die ihm geblieben sind. Und so haben in den letzten 60 Jahren auch keine Krisen das Manifest des Karnevals erschüttern können – mit Ausnahme von höheren Gewalten, wie Erdbeben oder gar Kriege.
„Nix bliev wie et wor“: Der Kölner Karneval im gesellschaftlichen Wandel
Doch auch eine so gigantische Tradition wie der Kölner Karneval kommt nicht ganz ohne Umgestaltungen an wirtschaftlichen Veränderungen vorbei. Zwar wird es „den Karneval an sich immer geben“, ist sich Dr. Kaußen sicher, „doch wie er gefeiert wird, ist ungewiss“. Überzeugt ist der Präsident der Kölnischen allerdings, dass „sich neben dem jetzigen Sitzungskarneval in den kommenden Jahren neue Formen des Feierns entwickeln werden“.
So stellt die Weichenstellung zu neuen Formaten hin zurzeit eine der Hauptaufgaben der Karnevals-Gesellschaft dar. Da, laut Kaußen, immer weniger bereit sind, die für das Ehrenamt notwendige Zeit zu investieren, setzt der Präsident hauptsächlich auf Aufklärung. „Der Grundgedanke hinter dem Karneval, insbesondere die soziale Komponente des Feierns, soll wieder in den Vordergrund treten.“ Die Menschen müssten wieder neu an den Karneval heran geführt werden. Gerade die jüngeren Karnevalisten sollten wissen, warum sich die Menschen kostümieren und warum gefeiert wird.
„Zurück zum Ursprung“, heißt demnach das langfristige Ziel. Um die Eckpfeiler Brauchtum, Tradition und Sitte wieder tragend zu manifestieren, erhofft sich Kaußen in diesem Belang die Mitarbeit von Schulen und Eltern.
Nur so könne das bestehende Niveau des Karnevals – und somit das Kölner Alleinstellungsmerkmal - aufrechterhalten bleiben.
Die Finanzkrise mache die Umsetzung jedoch schwieriger, gibt Kaußen zu. „Auch unser Etat wird schmaler.“ Den Menschen fallen private finanzielle Ausgaben in der heutigen Situation natürlich schwerer.
Doch das sei eben nicht der Kern der Wertigkeit die den Karneval ausmache. Im Vordergrund sollten weder die aufzubringenden Kosten, noch ein Star-Besetztes Programm stehen. „Wichtig ist das Beisammensein mit Freunden und Familie“, meint Kaußen.
Um den Veränderungen gerecht zu werden und um vielen Menschen den Karneval näher zu bringen, bemüht sich die Karnevalsgesellschaft um ein möglichst differenziertes Programm. Eines der neuen Angebote ist beispielsweise die Harlekin Gala. Die „Sitzung der leisen Töne“ regt mit einem runden Tischformat und einem intelligenten Programm zur fröhlichen Unterhaltung an. Die Gala, die auf eine frische Kombination aus dem altbewährten Feiern und dem bisher im Stillen vegetierenden Nachdenken und Hinterfragen baut, war letztes Jahr so erfolgreich, dass sich die Karnevalsgesellschaft in ihrem Konzept der moderaten Modernisierung mit Recht bestätigt fühlt.
Doch, ob dieses Format die Zukunft sei, darauf will sich Kaußen nicht festlegen. Zumindest ist es eine der vielen möglichen Aussichten: „Es bleibt spannend! In letzter Zeit hat sich so viel geändert und wird sich noch ändern müssen, dass niemand weiß, wo es hingehen wird.“
(Redaktion)
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