16.07.2006  

Konfuzius zwischen Kommunismus und Kapitalismus - Chinas Weg zur Marktwirtschaft

Köln. Fakt ist: Die kommunistische Parteispitze sanktioniert den Kapitalismus. Im Gegenzug hält sich die Wirtschaft aus der Politik raus. Die ungleiche Koalition funktioniert nach chinesischen Regeln. Der latente Zündstoff zwischen Reich und Arm soll mit alter chinesischer Ideologie, dem Konfuzianismus, in Schach gehalten werden. Was haben ausländische Investoren in diesem Spannungsfeld zu erwarten?

Marktwirtschaft ohne kommunistische Ideologie

Die chinesische Allianz scheint nach dem Motto zu funktionieren: „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“. Laut Dipl.-Kfm. Yi Wu, gebürtiger Shanghai-Chinese, trifft das nicht wirklich den Kern. Er erklärt uns, dass die freie Marktwirtschaft das wichtigste Anliegen der kommunistischen Regierung sei. Beweis: Trotz Widerstand im Volkskongress wird auch im 11. Fünf-Jahres-Programm, das im März 2006 verabschiedet wurde, an der Reform- und Öffnungspolitik festgehalten. „Wenn es um Geld geht, dann denken Kommunisten nicht kommunistisch“, so Yi Wu.

Yi Wu - Pendler zwischen den Welten

Nach dem Studium an der Kölner Universität ging Yi Wu - der Vorname Yi steht für Beharrlichkeit - zunächst für einen deutschen Chemiekonzern nach Asien, baute danach für eine taiwanische Firma eine Niederlassung in Düsseldorf auf und machte sich 1994 selbständig. Sein Unternehmen, die LEAD Deutschland GmbH mit Sitz in Köln, vertreibt seitdem industrielle PC-Komponenten aus China. Die speziellen Elektronikteile werden von Maschinenbau-Unternehmen und Elektrokonzernen z. B. in Messgeräte oder Roboter eingebaut. Einmal pro Monat jettet er zu seinen chinesischen Lieferanten, z. B. nach Shanghai und Taiwan, um kundenspezifische Anforderungen zu besprechen. Geschäftsleute wie Yi Wu sind moderne Pendler zwischen alter und neuer Welt. Sein Know how ist heute sowohl in Fernost als auch in Deutschland unbezahlbar. So wurde er von einem seiner China-Partner als ehrenamtliches Vorstandsmitglied berufen. Das ist in etwa vergleichbar mit dem hiesigen Aufsichtsratposten. In den Vorstand der Deutsch-Chinesischen Wirtschaftsvereinigung e.V. wurde er 2005 gewählt. Die Zentrale der Vereinigung befindet sich übrigens im Gebäude der Kölner IHK. Für die Uni Köln vermittelt er seit Jahren Kontakte zu den besten Elite-Hochschulen im Reich an der großen Mauer.

Demokratie fehlt Voraussetzung

Das Bestreben nach Demokratie wird in China sowohl befürwortet als auch abgelehnt. Aber die weit verbreitete Meinung, d.h., dass die Studenten auf dem Platz des himmlischen Friedens für Demokratie kämpften, ist seiner Meinung nach nicht haltbar. Laut Yi Wu, der selbst an den Demonstrationen beteiligt war, richtete sich der Protest gegen Korruption, Bestechlichkeit und unsaubere Bereicherung. Viele Chinesen mit guter Ausbildung, wie Yi Wu, halten das heutige China noch nicht reif für einen Demokratisierungsprozess. Dagegen sprechen das geringe Bildungsniveau und das schwache Sozialsystem. Beschäftigte im Niedriglohnbereich haben so gut wie keinen arbeitsrechtlichen Schutz. Hire und Fire ist vor allem im Dienstleistungsgewerbe an der Tagesordnung. Es gibt zwar Gewerkschaften, aber diese agieren als verlängerter Arm der Regierung und das heißt, dass das Kapital den Vorrang hat. Die Rente - in der Regel ab 60, bei Privatisierung von staatlichen Unternehmen teilweise ab 45 - reicht nicht zum Leben aus und die Gesundheitsversorgung, insbesondere im Alter, ist mangelhaft. Die schlechte soziale Absicherung, die starke Polarisierung zwischen Arm und Reich sowie Defizite wie beispielsweise bei der Energieversorgung, etc. bergen ausreichend Munition, um in einem demokratischen System erst recht zu eskalieren, so Yi Wu. Deswegen sei eine straffe und starke Regierung wichtig, deren Aufgabe es sein muss, diese Probleme zu lösen.

Harmonisierung der Gesellschaft

Die Defizite sind bekannt und Staats- und Parteichef Hu Jintao hat sie zur Chefsache gemacht. Auf dem letzten Plenum des ZK der Kommunistischen Partei Chinas lautet die Zielsetzung nicht mehr Steigerung des Wirtschaftswachstums sondern Entwicklung in Richtung "wissenschaftlichem Konzept", "harmonischer Gesellschaft" und "eigenständiger Innovationen". So gibt es für die Ärmsten der Armen, d.h. die Bauern, eine so genannte Bauern Agenda, die die Misstände bei Bildung und mediziner Versorgung beseitigen soll. In den Medien wird täglich über entsprechende Projekte auf dem Land berichtet. Zu DDR-Zeiten hieß das Propaganda.

Lesen Sie hier: Teil 2 des Interviews:
China auf dem Weg zur Marktwirtschaft


 

(Karin Bäck)

  • Tags:
  • Yi Wu
  • Deutsch-Chinesische Wirtschaftsvereinigung
  • China auf dem Weg zur Marktwirtschaft

Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © Dipl.-Kfm Yi Wu



 


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