Interview mit Professor Dörte Gatermann
Architektin ohne Höhenangst
Köln. Wenn eine Frau in Deutschland ein Hochhaus baut, dann ist das immer noch etwas ganz Besonderes. Oder anders gesagt die Ausnahme. Professor Dörte Gatermann ist die zweite, die einen "Wolkenkratzer", den KölnTriangle-Turm, gebaut hat. Kein Wunder. Sie ist ein Energiebündel, bestens organisiert, zielbewußt und sie lacht viel und gern.

Professor Dörte Gatermann, Geschäftsführerin GATERMANN + SCHOSSIG Bauplanungsgesellschaft mbH & Co.KG
Das neue Wahrzeichen Kölns, der Triangle-Turm des Landschaftsverband Rheinland, ist fraglos ihr populärstes Werk. Was in der breiten Bevölkerung weniger bekannt ist, Professor Dörte Gatermann, 53, zählt zu den erfolgreichsten unter den deutschen Architektinnen und das in vielerlei Hinsicht. Naturtalent oder Strategie? "Über Karrierechancen habe ich mir eigentlich mein ganzes Leben lang Null Gedanken gemacht," behauptet die Professorin. Als sie 1975 das Architekturstudium begann, waren die allgemeinen Aussichten auf ein erfolgreiches Berufsleben eher bescheiden. Eine Architektenschwemme hatte dafür gesorgt, dass viele Kollegen keinen Job fanden. "Die damalige Marktsituation hat mich überhaupt nicht interessiert. Ich wollte Architektur machen". Dörte Gatermann weiß sehr früh, was sie will und kann. Auch bei der beruflichen Ausrichtung: "Ich bin ganz klar eine Entwurfsarchitektin". Dabei habe sie immer auch das Ziel im Auge und sehe den Entwurf als Vorbereitung für die Realisierung. Ihr Erfolg setzt sich wie ein Puzzle aus einer ganzen Reihe von "Bausteinen" zusammen.
Die gebürtige Hamburgerin studierte an der TU Braunschweig und an der RWTH Aachen, u.a. am Lehrstuhl für Werklehre bei Professor Gottfried Böhm. Böhm zählt zu den Stararchitekten mit internationalem Ruf. Er ist bisher der einzige Deutsche, der mit dem Pritzker-Preis für Architektur ausgezeichnet wurde. Architekten vergleichen die Auszeichnung mit einem Nobelpreis. Böhms jüngstes, bei den Kölnern umstrittenes Projekt ist der Bau der Kölner Moschee. Die Konflikte betreffen augenscheinlich weniger seinen Entwurf als die Islamisierungsängste seitens Politik und Bevölkerung. Als renommierter Professor – er lehrte von 1963-1985 an der RWTH Aachen – stand Böhm bei seinen Studenten natürlich hoch im Kurs. Eine Mitarbeit in einem seiner Projekte kam einer Auszeichnung gleich.
Studentin realisiert Großprojekt
Dörte Gatermann hatte das Glück. Noch während des Studiums erhält sie die Chance, an einem Fünfzig-Millionen-Projekt in Böhms Kölner Architekturbüro mitzuarbeiten. Ein erfahrener Projektleiter sollte ursprünglich die Realisierung übernehmen. Da er nicht nach Stuttgart wollte, hat sie, die Studentin, dessen Job vor Ort gemacht und das Projekt fristgemäß und zur Zufriedenheit aller zu Ende gebracht. "Aus heutiger Sicht grenzt das an Wahnsinn", erinnert sich die Professorin und lacht. "Aber damals habe ich nicht drüber nachgedacht". Auf jeden Fall waren damit die Weichen für eine Architektur-Karriere gestellt, auch wenn sie das damals noch nicht so richtig realisiert hat. Nach erfolgreichem Studienabschluss als Dipl.-Ingenieurin Architektin BDA arbeitet sie zunächst fünf Jahre als Projektleiterin bei ihrem Lehrmeister und Mentor Gottfried Böhm.
Mamawoche und Papawoche
Im letzten Jahr ihrer Tätigkeit bei Gottfried Böhm gründet Dörte Gatermann zusammen mit ihrem Lebensgefährten Elmar Schossig ein eigenes Architekturbüro in Köln. Das war 1984. Ein Sprung ins kalte Wasser? "Es war schon eine Umstellung. Denn ich hatte gerade die erste Erfahrung mit einem richtig großen Verwaltungsbau gemacht. Dagegen waren unsere ersten Projekte als Selbständige vergleichsweise unspektakulär". Aber die größeren Aufträge ließen nicht lange auf sich warten. Laut World Architecture avancierte das Unternehmen sehr schnell zum innovativsten und erfolgreichsten Architekturbüro in Deutschland. Bis heute wurden rund 300 Projekte geplant und 50 selbst realisiert. Dörte Gatermann und Elmar Schossig sind seit 32 Jahren ein Paar. Vor vier Jahren heirateten sie. Ihre beiden Kinder sind inzwischen so gut wie flügge. Der Sohn, 24, studiert Jura in Hamburg und die Tochter, 19, macht gerade Abitur. Die Kinderbetreuung hat sich das Ehepaar immer geteilt nach dem Motto Mamawoche und Papawoche.
Arbeit mit jungen Leuten macht Spaß
Schon Mitte der Neunziger wurden Dörte Gatermann mehrfach Professuren angeboten. Das ist insofern etwas Besonderes, weil es in Deutschland nur wenige Architektinnen mit eigenem Lehrstuhl gibt. Häufige Jurytätigkeit, Vorträge, Publikationen und natürlich die zahlreichen Architekturpreise haben sie in der Szene bekannt gemacht und das Interesse der Hochschulvertreter geweckt. 2002, als ihre beiden Kinder aus dem Gröbsten sind, nimmt sie schließlich die Professur an der TU Darmstadt an und übernimmt die Leitung des Lehrstuhls für Entwerfen und Gebäudelehre. Aus privaten Gründen muss sie 2007 die Hochschularbeit an den Nagel hängen. Aber an die Zeit denkt sie gern zurück. Die Arbeit mit jungen Leuten macht ihr unwahrscheinlich viel Spaß. "Es war schön, Sachen aufzugreifen, die ein bisschen spinnert sind und die man im Büro so nicht machen kann". Den Verwaltungskram empfand sie eher als ätzend. Insgesamt war es eine schöne Zeit, obwohl es auch eine anstrengende Zeit war, sagt Dörte Gatermann. Denn der Job im Kölner Architekturbüro musste schließlich auch gemacht werden.
Hall of Fame für Frauen mit Visionen
Von den Projekten an der Hochschule erinnert sie sich am liebsten an das "Hall of Fame" -Projekt. Anlass war ein Bildband der Fotokünstlerin Bettina Flitner mit dem Titel "Frauen mit Visionen". Die begleitende Ausstellung namens "Europäerinnen" sollte durch alle Metropolen Europas wandern. Dörte Gatermann fragte sich: "Wie kann das gehen? Hierfür braucht man Räume und Ideen für neue, bestehende, wandelbare räumliche Inszenierungen." Das Hall of Fame – Projekt war geboren. In Workshops wurden tolle Raumkonzepte entwickelt und in zwei spannenden Publikationen festgehalten.
Architektur- und Wettbewerbspreise sammelt die Professorin wie andere Sportabzeichen. Seit Gründung des Architekturbüros sind annähernd 100 Preise und Auszeichnungen zusammengekommen. Sie habe nie darüber nachgedacht, sagt sie und meint, dass sie sich nie auf den Preis sondern immer nur auf die Sache konzentriert hat. "Wenn die Preise dann kommen, ist das natürlich schön," gesteht Dörte Gatermann und schmunzelt. Für das KölnTriangle-Hochhaus gibt es 2006 den "Innovationspreis Architektur und Glas". Ausgezeichnet wurde die Mono-Doppelfassade in Zusammenarbeit mit der Pilkington Deutschland AG, größter Hersteller von Glas und Glasprodukten.
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