25.09.2006  20:35 Uhr

Rheinische kulinarische Insel in Preußen

Berlin. Die „StäV“ oder „Ständige Vertretung“ ist die rheinische Insel in der preußischen Diaspora, der Hort von Kölsch und Kabänes, Röggelchen und Flönz im kulinarischen Niemandsland zwischen Havel und Spree. Zwei Bonner Wirte gründeten am Ufer der Spree die erfolgreichste Gastro-Innovation in Berlin.

„Vom Wessi lernen heißt siegen lernen“ – dieser sinnige Spruch, der jedem Ossi einen dicken Hals macht, prangt an der Stirnseite der „StäV“, der „Ständigen Vertretung“ in Berlin-Mitte. Die Kneipe der Bonner Wirte Friedel Drautzburg und Michael Grunert, die im nächsten September ihren zehnjährigen Gründungstag feiern wird, ist der Brückenkopf, von dem aus der Siegeszug des kölschen Nationalgetränks und des Lebensstils mit dem Motto “Et hätt noch immer jot jejange“ den Osten erobert hat. Wenige Schritte von Bahnhof Friedrichsstraße und Berthold Brechts berühmten Theater am Schiffbauerdamm haben die Bonner ihre Kneipe1997 eröffnet und zu einer Institution nicht nur für Gäste aus dem Westen gemacht. Selbst Berliner, Sachsen und Touristen genießen an den typischen blank gescheuerten Tischen „Himmel un Ääd“, Krüstchen Julasch, Fittschebunne, Sauerbraten, Äädäppelschlot oder gebroden Bloodwoosch und kölsche Schnüssverwöhncher (Amuse Gueule Colonia) mit frisch gezapftem Gaffel-Kölsch.

Die Wirte der "Ständigen Vertretung" in Berlin: Michael Grunert und Friedel Drautzburg (li)

Die Wirte Drautzburg und Grunert gehörten zum Urgestein der Bonner Gastro-Szene. Der schnauzbärtige Drautzburg eröffnete schon 1969 in der damaligen Bundeshauptstadt eine der ersten Studentenkneipen, Grunert fing 1980 bei ihm zunächst als Kellner an. „Zusammen und als Konkurrenten haben wir sicher schon 30 Lokale gehabt. Als nach der Wiedervereinigung die Politiker nach Berlin umzogen, kamen wir auf die Idee, unseren Sitz ebenfalls in die neue Metropole zu verlegen, praktisch unseren Gästen in die Fremde zu folgen. Zur Zeit der beiden deutschen Staaten gab es in Bonn und in Ost-Berlin die ‚Ständigen Vertretungen’ – eine Art innerdeutsche Botschaften. Wir haben diese Idee weiter gesponnen und fühlen uns als rheinische Vertretung,“ erklärt Michael Grunert bei einem guten Kölsch am Ufer der Spree.

Deutsche Geschichte in West und Ost

Die Einrichtung der StäV erinnert an die Zeit der „alten Bundesrepublik“ und der früheren DDR. Vieles wird auch ironisch zitiert: die große Flagge im Look des real existierenden Sozialismus zieren Hammer und Banane statt Hammer und Sichel. Fotos aus den letzten 40, 50 Jahren deutscher Geschichte in Ost und West, Bilder von Kanzlern und Genossen, rheinischen Hinterbänklern und sächsischen Möchtegern-Poltikern wecken so mehr oder weniger erfreuliche Erinnerungen: ein Restaurant auch als Museum der deutschen Geschichte.

Natürlich wird hier auch zünftig Karneval gefeiert – richtig mit Dreigestirn, Orden und Schunkel-Abenden, auch mit Gastspielen beliebter Büttenredner, Sänger und Stippeföttche-Akteure. Die rheinischen Jecken veranstalten auch einen von Jahr zur Jahr beliebter werdenden „Zoch“ am Karnevalssonntag. Orden gibt es in der StäV nicht nur während der Session als Souvenir neben vielen anderen Erinnerungsstücken für Rheinländer und deren Freunde.


 
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Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © Stäv Wirte Drautzburg und Grunert



 


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