Stadtentwicklung in Deutz & Kalk
Die "Schäl Sick" wird die Sonnenseite Kölns
Köln. Muss „Mutter Colonia“ eifersüchtig werden auf ihre bisherigen „Stiefkinder“ im Rechtsrheinischen? Für Deutz, Kalk und Mülheim zerbrechen sich etliche der besten Stadtplaner, Architekten, Immobilien-Projektentwickler und Investoren ihre Köpfe, um die „Schäl Sick“ zum „Motor für Köln“ zu transformieren. Das zeigte eine Diskussion im Rotonda Business Club mit kompetenten Repräsentanten, der Hoffnung für das weitere Wachsen der Domstadt in Deutz, Kalk und Mülheim liegt.
Nach dem Niedergang der ehemaligen rechtsrheinischen Industriestandorte entdeckten Investoren und Immobilien-Entwickler die Chancen, die sich dort boten. Viele sind bereits engagiert und erwarten, dass sich ihr Engagement bald auszahlen wird. Kölns Stadtplaner Bernd Streitberger ist sehr optimistisch, wenn er über die Trends im Osten der Stadt spricht. In seinem Modell von „Bewahrung und Aufbruch“ gibt es zwischen den beiden Seiten des Rheins starke gegenseitige Beeinflussungen, doch den Aufbruch sieht er vorrangig auf der zu lange geschmähten Schäl Sick.
Josef Breitbach, Geschäftsführer der „S RheinEstate GmbH“, einer Immobilientochter der Sparkasse KölnBonn, versicherte den durch die weltweite Kreditkrise stark verunsicherten Investoren: „Es gibt auch in Zukunft genügend Kredit für Kölns Gewerbe und Bauvorhaben“. Allerdings meint er, es sei besser gewesen, allen deutschen Banken vorzuschreiben, den staatlichen Schutzschirm zu nutzen.
75 Mio Euro-Investition in Mülheim
Projekte und Pläne wie der Bürgerpark Kalk, das neue Musical Theaters für den „Herr der Ringe“ oder die Zentralverwaltung des Kaufund Versandhauses „Music Store“ oder der Umbau des alten Lufthansa-Hochhauses sind aktuell. Aber: bevor die leer stehende ehemalige Hauptverwaltung der Kranich-Flieger umgebaut wird, will Streitberger die UNESCO in Paris um ihre Zustimmung bitten. Eine Neuauflage des Streits um die Deutzer Hochhäuser, die den Blick auf Kölns Weltkulturerbe, den Dom, beeinträchtigten, will der Dezernent für Stadtentwicklung auf jeden Fall vermeiden.
In Mülheim kommt jetzt richtig Schwung in die Verwertung des alten Carlswerks an der Schanzenstraße. Die BEOS GmbH, Berlin, will 75 Mio Euro in das 126.000 qm große Gelände investieren. Dort produzierte ab 1874 Felten & Guilleaume Drahtseile und Kabel. „Wir werden die freien Flächen des Werks als modernen Gewerbecampus mit einer urbanen Mischung von Büro-, Gewerbe- und Serviceflächen entwickeln. Beginnen wollen wir mit der Umwandlung von drei Hallenschiffen mit 12.700 Quadratmetern in Gewerbelofts und die Sanierung von rund 9.000 Quadratmetern Bestandsbüroflächen“, erklärte Prof. Dr. Stephan Bone-Winkel, Geschäftsführender Gesellschafter der BEOS GmbH.
„Wir setzen auf den Charme der in Köln besonders raren alten Industriegebäude, die vielfältig nutzbar und auch für Unternehmen im Dienstleistungsbereich attraktiv sind“, fügte er hinzu. Seine Gesellschaft hat es in anderen Städten geschafft, neues Wohnen und Arbeiten in alten Gebäuden zu preisgünstigen Mieten um fünf Euro pro Quadratmeter anzubieten. Was die Mieter so sparen, können sie dann in ihren Mittagspausen ver-schlemmen. „Wir wollen einen Spitzengastronomen anlocken“, versprach Bone-Winkel.
Zur Zeit klagen TV-Stars wie Harald Schmidt und Stefan Raab, aber auch das E-Werk-Team, die Werber der Agentur Jung von Matt und viele andere Kreative im Gebiet Schanzenstraße über das mehr als dürftige Gastro-Angebot vor Ort.
Neues Viertel: Euroform Nord
14 Millionen Euro will die Stadt für den Rhein-Boulevard investieren, der das rechte Rheinufer zwischen Severinsbrücke und Tanzbrunnen verschönern soll. „Das darf nicht teurer werden“, versicherte Streitberger. „Wenn wir mehr bezahlen müssten, würde der Boulevard entsprechend gekürzt“. Er ging auch auf die Spekulationen um den Deutzer Hafen ein, den viele nach dem Vorbild des Rheinauhafens zu einem weiteren Schmuckstück der Stadt umbauen möchten. „Der ganze Hafen liegt im Überschwemmungsgebiet“ warnte der Dezernent.
Im südlichen Zipfel Mülheims soll ebenfalls ein neues Stadtquartier entstehen. Das gegenüber der Stegerwaldsiedlung gelegene, ehemals industriell genutzte Areal zwischen Deutz-Mülheimer-Straße, Zoobrücke und Eisenbahntrasse einschließlich einer etwa 25 Meter breiten Fläche entlang dem Auenweg, soll als sogenanntes Euroforum-Nord zu neuem urbanen Leben erweckt werden.
Vorgesehen ist ein Stadtquartier mit gemischter Nutzung aus Wohnen, rund 350 Wohneinheiten, Büros, Dienstleistung und Kreativgewerbe unter besonderer Berücksichtigung der bestehenden, denkmalgeschützten Industriebauten und des Einzelhandels im Einzugsbereich der in direkter Nachbarschaft gelegenen Stegerwaldsiedlung. Für einen direkten Anschluss des neuen Gebiets soll eine breite Verbindungsstraße zwischen Auenweg und dem Neubaugebiet geschaffen werden.
Morbider Charme der Industrie-Ruinen
Hier hat sich auch die „S RheinEstate GmbH“ engagiert. Josef Breitbach berichtete von Bestrebungen, Wohnen und Arbeiten wieder an einem Ort zusammen zu führen. „Die Gewerbebetriebe wollen zurück von den Randlagen in die Stadt. Kurze Wege von der Wohnung zur Arbeit sind heute Trumpf. Das hängt sicher auch mit dem Ziel zusammen, unnötigen Verkehr zu vermeiden.“ Die „S RheinEstate“ besitzt u.a. auch das Gelände um den fast vergessenen zweiten rechtsrheinischen Hafen, den Mülheimer Hafen mit seinem „morbiden Charme“.
Kalk wird nicht zur Marienburg
Gegen Pläne, in Kalk 120 bis 160 qm große Wohnungen für den gehobenen Mietmarkt anzubieten, wandte sich Gerd B. Golombeck, Projektleiter City-Forum Kalk. „Man kann Kalk nicht zur zweiten Marienburg umfunktionieren,“ warnten Gäste aus dem Publikum. Allgemein wurde kritisiert, dass zwischen Polizeipräsidium und Odysseum Projekte realisiert würden, die in keinem städtebaulichen Zusammenhang stünden. Es fehlten Wohngebäude als verbindende Elemente zwischen den institutionellen Bauwerken.
Gute Entwicklungsmöglichkeiten für die alten Industriegelände bescheinigte auch Jürgen Graupner, Leiter der Niederlassung Mitte der Allianz Immobilien GmbH, den Stadtplanern. „Die Flächen werden sich füllen,“ prophezeit er. „Das Rechtsrheinische wird in 20 Jahren ein selbstverständlicher Teil der Stadt Köln sein“, bekräftigte Dezernent Streitberger.
(Ulrich Gross)
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