Gemeinsam klug
Schwarmintelligenz: Keiner weiß so viel wie alle
Köln-Bonn. Schwarmintelligenz – die Intelligenz des Kollektivs. Dieses emergente Phänomen zeigt sich uns in der Natur, wie bei Zugvögeln oder Ameisenkolonien, in Quizsendungen, wie beim Publikumsjoker von „Wer wird Millionär“ und in der hohen Treffsicherheit der Online-Enzyklopädie „Wikipedia“. Bei so vielen gut funktionierenden Beispielen, stellt sich die Frage, ob sich die Schwarmintelligenz nicht auch in Form eines optimierten Ideenmanagements gewinnbringend in Unternehmen, als humanes Pendant zu geschäftigen Tierkolonien, einsetzen lässt?
Und wieder einmal liefert uns die Natur die besten Ideen. Beim Einblick von Ameisenkolonien, Fischschwärmen oder Bienenpopulationen scheint klar: Die wissen genau was sie tun! Mechanisch werden Straßen angelegt, architektonische Wunderbauten vollbracht, Feinde abgewehrt und Entfernungen von mehreren hundert Kilometern mühelos und zielsicher überwunden. Besonders beeindruckend dabei ist die Tatsache, dass Schwärme sich den sich täglich stellenden Herausforderungen tatsächlich nur im Kollektiv stellen können. Alleine auf sich gestellt hat weder eine Biene noch eine Ameise die leiseste Ahnung, was zu tun wäre. Noch dazu gibt es kein dominantes Alpha-Tier, das die übergroße Kolonie militärisch anführt. Die ernannte Königin bei Ameisen oder bei Bienen dient ausschließlich dem Erhalt des Volkes und hat keine Führungsaufgaben.
Vielmehr ist es die Summe der einzelnen Individuen, die erst aus der einzelnen Hilflosigkeit eine schnell reagierende und effizient arbeitende Kolonie macht. Alleine versteht keines der Tiere den großen Sinn hinter den sich täglich anhäufenden Puzzleteilen, dennoch leistet jedes einen entscheidenden Beitrag zum Erfolg. Das Phänomen der kollektiven Intelligenz nennt man auch Schwarmintelligenz. Im Kollektiv werden Lösungen gefunden, die für das einzelne Tier unmöglich gewesen wären.
Schwarmintelligenz im Unternehmen: Keinen Platz für feste Hierarchien
Bei der Betrachtung von Ameisenkolonien oder Bienenschwärmen stellt sich die Frage, was sich von deren perfekt funktionierender Organisation auf unsere menschliche Arbeitswelt übertragen lässt? Ist es überhaupt realistisch zu glauben, das Prinzip der Schwarmintelligenz lasse sich auf die Entscheidungsprozesse von Unternehmen übertragen? Ja und Nein.
Zum einen liegt der wesentliche Unterschied zwischen Tierkolonien und Unternehmen in der Struktur. Im Falle von Ameisenkolonien und Bienenpopulationen existiert keine hierarchische Unternehmenskultur, in der Art wie wir sie kennen. Hier gibt es keinen Befehlshaber, keine Gewerkschaft und auch keine Verwaltung. Statt dessen gibt es hoch effiziente Abstimmungsprozesse zur Koordination und Entscheidungsfindung. Am Beispiel der Ameisen zeigt sich das in der unfassbar schnellen Neustrukturierung eines gescheiterten Plans, wie der Zerstörung einer Straße. Gleich eines Computers, der zum Neustart ansetzt, gerät der Ameisenhaufen für einen Bruchteil einer Sekunde ins Wanken. Das dann einsetzende vermeintliche Chaos dient in Wirklichkeit zur blitzschnellen Problemlösung. In Windeseile markieren Duftstraßen auf viel begangenen Straßen erneut den schnellsten Weg (Quelle: www.nationalgeographics.de). Gesammelte Informationen aus unterschiedlichen Quellen dienen dabei der Entscheidungsfindung. Die am häufigsten genannte Information setzt sich durch. Ähnlich funktioniert die Kommunikation auch bei Honigbienen. Die bis zu 50.000 zusammen lebenden Bienen nehmen sich Zeit alle Einfälle und Möglichkeiten zu diskutieren. Jede Idee wird angehört und am Ende setzte sich das Beste für die Allgemeinheit durch.
„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“: Schon Aristoteles erkannte den Nutzen der Schwarmintelligenz
Schwarmintelligenz lässt sich also mit dem klassischen Brainstorming vergleichen: Die besten Vorschläge des Einzelnen summieren sich zu einem optimalen Ergebnis für die Masse. Dass das Prinzip funktioniert beweist beispielsweise die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia. Vergleiche mit anderen Enzyklopädien zeigen, dass mehrere Autoren, anders als die Köche dem Brei, der Richtigkeit des Textes eher gut tun als diesen zu verderben. Hier wirken die mehr als 100.000 freien Autoren wie ein Korrekturprogramm. Andere Studien kommen zu einem ähnlichen Ergebnis: Lässt man eine Gruppe Studenten verschiedene Gegenstände nach seinem Gewicht anordnen, ist der Durchschnitt der Einschätzungen erstaunlich genau. Auch beim „Wer wird Millionär“ Publikumsjoker erweist sich die Masse als verblüffend treffsicher.
Warum also nutzen wir dieses Phänomen nicht auch auf Gebieten, auf denen wir in einer größeren Gruppe täglich Entscheidungen treffen müssen – wie in einem Unternehmen?
Besonders im Bereich des Ideenmanagements könnte man die kollektive Intelligenz gut einsetzen. In den Verbesserungsvorschlägen der Mitarbeiter steckt ein unglaubliches Potenzial.
So brachten im Geschäftsjahr 2008 die Ideen der Mitarbeiter der Daimler AG einen Nutzen von 108, 8 Millionen Euro.
Schade nur, dass sich viele Geschäftsführer eher schwer damit tun, mit den klassischen, hierarchischen Strukturen zu brechen. Die meisten Führungskräfte geben das Ruder nur ungern aus der Hand und treffen Entscheidungen doch lieber selbst. Auch wird dem Team nicht viel zugetraut, obwohl in Fehlern bekanntlich die besten Chancen stecken.
Noch dazu lässt sich das eigentliche Potenzial der Schwarmintelligenz nur dann ausschöpfen wenn die einzelnen Mitglieder eigenständig handeln und entscheiden. Selbst die größte Gruppe ist nicht klug, wenn die einzelnen Mitglieder warten, bis jemand sagt, was zu tun ist. Weiterhin gilt: Umso verschiedener die Charaktere, desto universeller die Antworten. Homogene Gruppen haben oftmals Probleme über den Tellerrand zuschauen. Ein Grund warum Politiker gelegentlich den Wald vor lauter Bäumen nicht erkennen?
Kollektive Intelligenz kann der Mensch nur bedingt nutzen
So schön sich das Prinzip der Schwarmintelligenz auch im Tierreich anhören mag, so utopisch ist die totale Umsetzung ins menschliche Leben. Denn die komplexe Mischung aus Einzelgänger und Rudeltier macht es dem Menschen schwer, sich in einer heterogenen Gruppe zurecht zu finden. Zum einen strebt er nach einem Alleinstellungsmerkmal, zum anderen verlangt er nach Gleichgesinnten. So bilden einzelne Mitglieder einer Gruppe meist schnelle eine homogene Einheit. Um sich dazugehörig zu fühlen wird die individuelle Vernunft schnell ausgeblendet und der Vorschlag eines, sich dominant präsentierenden Gruppenmitglieds angenommen.
Daher sollten Unternehmensführer, die die Schwarmintelligenz als Ideenmanagement für ihr Unternehmen nutzen wollen, auf kleine, heterogene Arbeitsgruppen setzen und die letztendliche Entscheidung übernehmen. Gut funktioniert dies mit einem Ideenkasten, der Vorschläge der Mitarbeiter sammelt. Diese selektiert und gebündelt können zu einem konkurrenzlosen Wettbewerbsvorteil weiter entwickelt werden – vorausgesetzt es gelingt die Unternehmenskultur entsprechend zu pflegen und Mitarbeiter hinreichend zu motivieren.
(Redaktion)
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