Der Arbeitsmarkt ändert sich
Zeitarbeit ist eine Brücke zurück in den Arbeitsmarkt
Köln. Der Arbeitsmarkt ändert sich. Ein Merkmal dieser Veränderung ist die neue Rolle der Zeitarbeit. Keine Beschäftigungsform ist in den zurückliegenden Jahren so stark gewachsen wie die Zeitarbeit. Während die Zahl der Beschäftigten insgesamt seit 1995 nur um vier Prozent stieg und diejenige der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sogar um vier Prozent sank, vervierfachte sich die Zahl der Zeitarbeitskräfte von 165.000 auf etwa 670.000.
Vom gesamtwirtschaftlichen Beschäftigungszuwachs in den Jahren 2006 und 2007 waren 37 Prozent auf die zahlenmäßige Zunahme von Zeitarbeitskräften zurückzuführen. Dazu sagte Martin Schulte vom Institut für Wirtschaft und Gesellschaft in Bonn bei einem Pressegespräch seines Instituts in Berlin: „Im internationalen Vergleich dürfte sich Deutschland beim Einsatz von Zeitarbeitskräften in diesen beiden Jahren nach vorne geschoben haben."
Gründe für diese positive Entwicklung seien zahlreiche Deregulierungsmaßnahmen, die Notwendigkeit von Unternehmen, Personal möglichst passgenau und kostengünstig einzusetzen, die wechselseitige Erprobung von Arbeitskräften und Unternehmen, der kontinuierliche Ausbau der Arbeitnehmerüberlassung durch weitere Personaldienstleistungen und nicht zuletzt die nach wie vor beträchtliche Arbeitslosigkeit. Für zahlreiche Arbeitslose sei Zeitarbeit die Brücke zurück in den Arbeitsmarkt.
Das gelte namentlich für nicht oder nur gering Qualifizierte, die vom Arbeitsmarkt zurückgelassen worden sind. Für sie ist Zeitarbeit, so IWG-Expertin Stefanie Wahl, eine Art „arbeitsmarktpolitische Nachhut". Etwa 90 Prozent der Zeitarbeitskräfte sind diesem Bereich der Standardzeitarbeit zuzurechnen. Waren vor 25 Jahren erst drei Prozent der Hilfsarbeiter Zeitarbeitskräfte, so sind es heute mehr als 40 Prozent. „Ohne Zeitarbeit wäre wahrscheinlich ein Großteil dieser gering qualifizierten Helfertätigkeiten wegrationalisiert oder ins kostengünstigere Ausland verlagert worden“, so Wahl. Das verbleibende Zehntel der Zeitarbeitskräfte ist demgegenüber hoch oder zumindest gut qualifiziert. Sie bilden das Segment der Spezialzeitarbeit. Dabei sollte zwischen Standard- und Spezialzeitarbeit klar getrennt werden, da Probleme und Aufgabenstellungen in beiden Bereichen sehr unterschiedlich sind.
„Die Zeitarbeit darf jetzt nicht in die Zange genommen werden“, sagte Personalexperte Marc Emde von dem Kölner Unternehmen Kirchconsult. „Die Parteien machen beim Thema Mindestlohn gegen die flexible Zeitarbeit mobil, und auch aus Brüssel kommen Querschüsse. So will der zuständige Kommissar Spidla Deutschland dazu verpflichten, dass Leiharbeiter schon nach sechs Wochen in einem Unternehmen den gleichen Lohn und die gleichen Rechte wie Festangestellte bekommen sollen. Wenn ich als Unternehmer Zeitarbeiter und Festangestellt gleich behandeln muss, dann macht das ganze Instrument der flexiblen Leiharbeiter keinen Sinn mehr. Ein Leidtragender wäre zum Beispiel der Mittelstand, wo Arbeitsspitzen mit Zeitarbeit überbrückt werden.“
Für bestimmte Politiker und die Gewerkschaften sind die Deregulierungen insbesondere im Rahmen der Agenda 2010 zu weit reichend. Deshalb plädieren sie für deren teilweise Rücknahme. „Wer dieses anstrebt" - so IWG-Chef Prof. Dr. Meinhard Miegel - „bewegt sich jedoch auf schmalem Grat." Zwar befänden sich unter den Zeitarbeitsunternehmen etliche schwarze Schafe, deren Verhalten durchaus kritikwürdig ist. Doch ohne die möglichst ungehinderte Entfaltung der Zeitarbeit gäbe es heute in Deutschland hunderttausende von Arbeitsplätzen weniger. Die Kritiker der Zeitarbeit müssen sich deshalb genau überlegen, ob sie lediglich Missbrauch bekämpfen oder eine Arbeitsform treffen wollen, die für den Arbeitsmarkt ständig wachsende Bedeutung hat.
(Redaktion)
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